Ein kleines bisschen Poesie gefällig?

morgenlauf

Es passiert nicht oft, dass mich die Muse küsst und ich aus bestimmten Anlässen heraus Texte schreibe, aber ab und zu kommt das vor, und oft werden die richtig gut (Eigenlob stinkt übrigens überhaupt nicht).

So kam es anno 2019 eines Tages nach einem Lauf, dass ich das Gefühl, dass ich morgens beim Laufen fast immer habe, festhalten wollte. Laufen ist für mich tatsächlich eine Form der Meditation, ich kann dabei komplett abschalten und meinen Kopf so richtig leer bekommen … oder mich bis zum Anschlag auspowern, wenn’s mal sein muss. Und am besten geht das früh morgens.

Wer jetzt denkt, ich hätte da leicht reden, weil ich eine Frühaufsteherin bin, irrt gewaltig. Ich bin eine gestandene, waschechte Eule. Ich liebe nichts mehr, als auszuschlafen, es ist für mich also auch eine Überwindung, so früh aus dem Bett zu steigen, wenn ich eigentlich noch weiterschlafen dürfte. Aber in diesem Fall ist es mir das wert, weil es für mich einfach keine bessere Zeit zum Laufen gibt; zum einen, weil ich beim Sporteln generell am liebsten allein bin, und zum anderen, weil es einfach traumhaft ist, wenn man ganz allein unterwegs ist … die Luft noch frisch, der Tag noch unverbraucht und keine anderen Menschen weit und breit … nur ich und die zwitschernden Vöglein 🙂

Wenn mich mein innerer Schweinehund mal wieder zum Extremcouchen überreden will, lese ich mir den Text immer wieder mal gern durch, um mir dieses Gefühl in Erinnerung zu rufen … oft muss das Schweinehündchen dann wieder allein auf der Couch rumdümpeln.

Ich dachte mir, ich stelle den Text mal hier rein, vielleicht kann ich die eine oder andere Sportmuffelin unter euch ja doch motivieren – du weißt schon … Wechseljahre, Stoffwechsel pushen, Herzkreislaufsystem trainieren … Viel Spaß beim Lesen 😉

Morgenlauf

Es ist 5.00 Uhr Früh. Der Wecker läutet. Ich höre mir noch die Nachrichten an, dann strecke ich mich ausgiebig, stehe auf, schlüpfe in meine Laufklamotten und werfe die Kaffeemaschine an. Mit einem Kaffee geht alles gleich viel leichter. Ich gehe auf den Balkon, um die Temperatur zu checken. Es hat um die Null Grad, keine Wolke am noch schlafenden Himmel, und kein bisschen Wind. Die Felder hüllen sich in Morgentau, und bis auf wenige beleuchtete Fenster scheint die Nachbarschaft noch im warmen Bett zu liegen. Ich atme ein paar Mal tief durch und genieße die frische, noch unverbrauchte Morgenluft.

Nachdem ich meinen Kaffee getrunken habe, verlasse ich die Wohnung. Der Weg breitet sich erwartungsvoll vor mir aus, ohne Forderungen zu stellen, ohne Ansprüche zu erheben. Er will nichts weiter, als dass ich auf ihm laufe, und präsentiert sich zu dieser frühen Stunde von seiner schönsten Seite. Er schert sich nicht darum, wie ich aussehe, ob meine Haare gestylt sind, ob ich geschminkt bin, wie dick oder dünn ich bin. Er ist für mich da – immer – er nimmt mich wie ich bin, völlig bedingungslos. Keine Vorwürfe, keine Veränderungsversuche, keine unerfüllbaren Erwartungen. Immer zuverlässig, lässt er mich nie im Stich. Ich kann einfach ich selbst sein. Keine Rolle, in die ich jetzt schlüpfen muss; keine gesellschaftlichen Konventionen, an die ich mich halten sollte. Körper und Geist im Einklang mit der Natur.

Begleitet vom morgendlichen Gesang der Vögel laufe ich der aufgehenden Sonne entgegen, die zärtlich und hoffnungsfroh den Tag einleitet. Es tut gut, die kühle Morgenluft einzuatmen. Man hat fast den Eindruck, als würde nachts nichts existieren, alles in einem Nirgendwo verschwinden, um morgens mit der Sonne wieder an seinen Platz in der Welt zu rücken. In dieser Magie des Übergangs von Nacht zu Tag erwartet man, jeden Moment kleine Elfen aufflattern zu sehen, oder Trolle, die zwischen den Bäumen hervorlugen. Der Bach fließt glucksend neben mir her, und mit dem gemächlichen Erwachen der Welt werde auch ich wacher.

Meine Schritte korrespondieren mit meinem Atemrhythmus, meine Herzfrequenz erhöht sich, meine Körpertemperatur steigt, und ich spüre das Leben mit einer Kraft in mir pulsieren, wie das nur beim Laufen geschieht. Ich fühle, wie meine Zellen mit Sauerstoff durchflutet werden und freue mich über die Leistungsfähigkeit meines Körpers.

Weit weg sind noch die Ärgernisse des kommenden Tages; die Menschen in der U-Bahn mit ihren unangenehmen Körperausdünstungen; die Smombies, die glatt tot umfielen, würde man ihnen ihre Smartphones wegnehmen. Noch keine Rede von all den rücksichtslosen Schwachköpfen ohne Manieren, die dir eine Tür auf die Nase knallen, oder dich fast von der Rolltreppe schubsen, um die einfahrende U-Bahn noch zu erwischen. Nichts als Ruhe und Vogelgesang; seliger Nicht-Stress und bewegte Meditation, die mir hilft, den Tag gut gelaunt zu überstehen.

Nach einem Lauf ist alles besser. Das Wasser unter der Dusche prickelt angenehm auf der gut durchbluteten Haut und fühlt sich fast wie Streicheleinheiten an; und das Frühstück schmeckt gleich viel besser. Der ganze Tag wird schöner, wenn ich mir morgens einen Lauf gönne.

In der Zwischenzeit ist der Tag vollständig angebrochen, der Himmel präsentiert sich in seinem schönsten Blau, und die Sonne strahlt mit einer Leidenschaft, als wäre es ihr ein persönliches Anliegen, mir einen wundervollen Tag zu bescheren.

© Doris Bruckner, 20.03.2019

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